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Der Splenterkotten in Elte

Der Gasthof „Zum Splenterkotten“ in Elte ist über die Splenterkotten (Foto 2008)Grenzen des Dorfes hinaus bekannt. Für viele Radfahrer und Autoreisende ist diese Gaststätte ein beliebtes Ziel. Aber auch den Elteranern ist der Splenterkotten von jeher ein beliebtes Forum, wo man einfach mal auf ein Bier hingeht, Bekannte trifft und auch noch Platt „küert“;wo man sich versammelt und mit der Familie und den Freunden feiert.

Das fast 250 Jahre alte Gebäude prägt das Dorfbild. Es ist eins der wenigen Fachwerkbauten in Elte, die noch erhalten sind. Wer auf dem Dorfplatz steht und vom „Kotten“ rechts hinüberschaut zur Kirche, wird feststellen, dass hier noch eine gewisse Reihung von alten Gebäuden vorhanden ist: hinter dem Splenterkotten das alte Lehrerhaus (Geburtshaus von Josef Pieper) von 1864 und dem gegenüber die alte Dorfkirche von 1684. Der Kotten selbst datiert von 1764, wie man auf dem Torbogen der „Niendüör“ ablesen kann:

1764 DEN 1TEN MART ABGEBRANNTDEN 19TEN JUN AUFGEBAUETHENRICH ABELER MARIA+RICHTER EHELEUTE10 HANGOCKING T.M.

Dieser repräsentative Torgiebel steht heute unter Denkmalschutz. An ihm kann man den ursprünglichen Baustil und die Geschichte des Hauses ablesen. Der Grundriss des Hauses von 1764 maß in der Länge 28 m und in der Breite 12 m. Vier Ständerreihen, im Innern heute nicht mehr erkennbar, tragen Balkendecke und Dach. Die Niendüör führte auf die Tenne (up de Diäll), die mit den Ställen auf beiden Seiten fast zwei Drittel des Hauses ausmachte. Auf dem Dachboden wurde die Ernte gelagert. Von der Tenne gelangte man in die Küche, auch Flett genannt. Hier war das Herdfeuer, und dahinter, am Ende des Hauses, lagen Keller und Upkammer, die heute noch vorhanden sind. Alles in allem ein stattliches Bauernhaus im Stil der damaligen Zeit. Immerhin, der Inhaber Henrich Abeler betrieb schon vor dem Brand am 1. März 1764 einen Ausschank. Eine Urkunde im Pfarrarchiv Elte belegt, dass im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) französische Soldaten und preußische Werber hier eingekehrt waren. Und da diese die Zeche nicht bezahlt hatten, richtete der „Wirth“ Henrich Abeler die Rechnung an den Freiherrn von Twickel, den zuständigen Amtsdrosten zu Rheine-Bevergern. Wohl um 1780 bekam Abeler, wie andere „Wirthe“ auch, offiziell die Konzession, ein Wirtshaus betreiben zu dürfen, und ebenso die Auflage, eine Bezeichnung anzubringen. So erhielt diese Schankwirtschaft, die lange nicht über den Ruf einer Bauernkneipe hinauskam, den Namen: To de olle Börse. Noch vor hundert Jahrenpräsentierte sich das Anwesen im Bild als Bauernhof - eine dörfliche Idylle.

Es ist sicher spannend, in diesen alten Gemäuern zu klönen, zu tafeln und zu feiern. Doch spannend ist es auch, der Geschichte des Hauses und seiner Bewohner nachzugehen. Das haben wir vom Heimatverein Elte am „Tag des offenen Denkmals“ im September 2009 mit Hilfe einer Ausstellung und Führung angeboten. Es gibt reichlich Quellenmaterial, das bereits sehr eingehend von der „Uhrmacher- und Goldschmiedefamilie Abeler“ 1998 in einem dreibändigen Werk „Chronik Abeler“ wiederzufinden ist. Die Vorfahren dieser Familie stammen aus diesem Haus: Georg Abeler, 1819 in Elte geboren, wurde Lehrer; sein Sohn Heinrich, Feinuhrmacher und Juwelier, begründete die weithin bekannte Uhrmacherdynastie.

Splenterkotten (Foto 2008)Jürgen Abeler, einer der Nachfahren, fand heraus, dass die Abelerfamilie bereits vor 1520 auf diesem Hof saß. Der erste Abeler ist offensichtlich damals von seinem Grundherrn, dem Grafen von Steinfurt, auf diesen Hof gesetzt worden. Eigentlich war dies ja der Pfarrhof, der sognannte Wedem- oder Widemhof, der zur Kapelle in Elte gehörte. Und da man wohl über lange Zeit für diese Kapellengemeinde, zu der auch die Bauerschaften Heine (Hoene) und Brelage (Bredelage) gehörten, keinen Seelsorger finden konnte, setzten die Steinfurter den Bauern „Abelmann“auf diesen Hof. Das sollte dann später, als man eine Pfarrei gründen und einen Pfarrer nach Elte holen wollte, zu großen Schwierigkeiten führen.

Die erste Nachricht über diesen Hof erhalten wir in der Markenrolle von 1469, wo„de Wedem hove“ mit den anderen Markenberechtigten in der Elter Mark aufgeführt wird.Wir vermuten, dass die Edlen von Steinfurt die erste Kapelle in Elte als Eigenkirche erbauten und zur Versorgung eines Geistlichen„den Wedemhof“ begründeten. Dabei kann es sein, dass sie eine bereits vorhandene Hufe der Kapelle „widmeten“. Durch die Zerstörung der Schwanenburg 1343 war der Einfluss der Steinfurter in diesem Raum zunächst zurückgedrängt worden, doch durch den Erwerb des Hofes „Schulte to Elte“ und des Hofes Bockolt „up de Emese“im Jahre 1373 fassten sie wieder Fuß in Elte. Vielleicht versuchten sie, durch die Gründung einer Kapellengemeinde Einfluss auf die Bauern zu gewinnen.

Doch erst in einer Urkunde vom 13. Juli 1587 wird die Kapelle namentlich erwähnt. In dieser Urkunde, wo es um die Einkünfte für die Kapelle geht, werden wir mit den Auswirkungen der Reformation in diesem abseits gelegenen Winkel unserer Heimat konfrontiert. Die Bauern geben an, zu ihren Lebzeiten sei in der Kapelle keine Messe mehr gefeiert worden. Von jeher sei der Pfarrer von Burgsteinfurt verpflichtet gewesen, alle vierzehn Tage die Messe zu lesen und auch zu predigen. Dies täte er nunmehr seit über dreißig Jahren nicht mehr. Er bekomme aber nach wie vor vier Molt Roggen vom Wedemhof, den Abelmann bewohne.

Ihre Eltern hätten vor ca. 30 Jahren einen Herrn von Bentlage, „Herr Egbert genannt“, gewinnen können, der bereit gewesen sei, „auf ihrer Kirchmess als auch am Sonntag vor Grevener Markt und dazu auch zu Hochzeiten die Messe zu feiern und die Predigt zu halten.“ Doch solche Feiern seien vom Pfarrer von Burgsteinfurt verboten worden.

1544 traten die Edlen von Steinfurt zum protestantischen Glauben über und mit ihnen auch der Pastor von Burgsteinfurt. Es kann sein, dass dieser noch eine Zeit lang seiner Pflicht und Gewohnheit in Elte nachgegangen ist, aber spätestens nach dem „Augsburger Religionsfrieden“ damit aufhörte, weil nach diesem Vertrag der Landesherr über die Konfession der Untertanen entschied. Landesherr war der Fürstbischof von Münster. Das erklärt auch, weshalb der Archidiakon von Elte nach Angaben der Bauern über zehn Jahre mit den Steinfurtern einen Rechtsstreit geführt habe.

Der Wedemhof blieb im Besitz der Grafen, der Abelmann ihr Höriger. Auch übten sie weiterhin das Patronatsrecht über die Kapelle aus. Dies wurde formal erst im Jahre 1959 aufgehoben.

Kirchenrechtlich gehörte Elte noch zur Pfarrkirche in Rheine. „Sie pflegten allda (in Elte) nicht zu kommunizieren, sondern das täten sie in Rheine“, heißt es in dem Bericht von 1587.

Ab 1621 gibt es wieder offizielle Gespräche über die seelsorgliche Situation in Elte. Das Dorf soll einen residierenden Pastor bekommen, und es wird abgefragt, was denn die Bauern zur Unterhaltung des Pastors leisten können. Vor allem auch wird die Frage nach einer Wohnung gestellt. Die Bauern erinnern sich an Abelers Wohnung, die sei „geprauchet“ worden als Wedemhof und sei auch anders als die anderen Bauernhäuser eingerichtet und ausgestattet gewesen. Und sie erheben die Forderung, der Abeler müsse diese Wohnung freimachen für den „Seelsorgeren“. Doch der Abeler hat den Grafen von Steinfurt im Rücken. Er lässt sich so leicht nicht von der Hofstelle vertreiben. Inzwischen bekommen die Beteiligten wohl den Dreißigjährigen Krieg zu spüren. Wieder gehen Jahrzehnte ins Land. Erst 1648 hören wir wieder davon. Der Pastor Schade, der inzwischen in Elte „residiert“, führt gegen Abeler einen Prozess. Es geht nicht mehr um die Wohnung. Das Thema scheint erledigt zu sein. Es geht vielmehr um die Naturalien, die vier Molt Roggen, die der Abeler noch immer an die Steinfurter liefert. Der Pastor jedoch ist der Meinung, dass diese ihm, dem Pfarrer, zustehen. Ein wenig später erfahren wir, dass die Bauern von Elte und Heine dem Pastor eine neue Wohnung gebaut haben, ein wenig abseits, am Rande der Elter Mark.

Im August 1676 endlich wird der Schlussstrich gezogen. Der Graf von Steinfut/Bentheim-Tecklenburg überlässt dem Pastor von Elte das Halberbe Abeler für 100 Thaler. Jetzt ist Abeler Höriger des Pastors von Elte.

Nach der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird Abeler Eigentümer dieses ehemaligen Wedemhofes, zu dem laut Urkataster von 1828 etwa 30 Morgen Ackerland und Weide gehörten. Doch nach dem Tod von Josef Abeler am 15. Juni 1857 geht das Erbe durch Wiederheirat seiner Witwe in andere Hände über. Der neue Gast- und Landwirt Heinrich Brinkmann, genannt Bockholt, nannte sich fortan Abeler. Einer seiner Söhne, Julius Abeler, wurde Lehrer in Ahlen. Er verfasste die plattdeutsche Erzählung „Iemskinner“ und widmete sich sehr intensiv der Heimatpflege. Dessen Bruder Alwin Bockolt, genannt Abeler, erbte das Anwesen, verkaufte es aber schon 1913 an Günnewich. Dieser versuchte sich einige Jahre als Gastwirt und Bauer, „wurde aber nicht recht warm im Dorf“. Schon 1917 verkaufte er den Besitz an Bernhard Wältring aus Altenberge. Dieser war ein echter Münsterländer. Er gabder Gastwirtschaft den Namen „Splenterkotten“ und wurde selbst der „Splenterkötter“ genannt. Am Hausgiebel hat er seinen Wahlspruch anbringen lassen:

Kiek jeden liekut in`t Gesicht Un krup nich ächtern Hagen. De schlechsten Fröchte sind et nich, woran de Wespen naget.
Laot di von de, well di nix günnt, to`t Tietverdriew nich foppen. All Gräss, wat hier to Hai wätt sünnt, kann üöhr de Muul nich stoppen.

Über ihn werden heute noch originelle Anekdoten erzählt. Als er im Jahre 1936 das Zeitliche segnete, übernahm sein Sohn Josef (Seppel) das Erbe. Dieser war hauptberuflich Viehkaufmann und verpachtete die Gasstätte 1938 an Bernhard Brinkmann. Die Familie Brinkmann, heute Inhaber der Gaststätte „Zum Hellhügel“, war 22 Jahre Wirt auf dem Splenterkotten. Die Landwirtschaft wurde mit dem neuen Domizil der Familie Wältring auf die „Horst“ verlagert. Im Jahre 1961 übernahm Hubert Wältring in der dritten Generation die Gastwirtschaft. Er und seine Frau Johanna (Henny) standen vor schwierigen Aufgaben. Aus der alten Dorfschänke sollte ein den Bedürfnissen der Zeit angepasstes Gasthaus werden.  Die Leute nicht mehr nur ein Bier trinken, sie gingen auch gern mal aus zum Essen. Sie wollten in kleinen und großen Gesellschaften feiern. Es mussten Räumlichkeiten neu gestaltet bzw. neu geschaffen werden. Der „Kotten“ bekam nach innen wie nach außen allmählich ein neues Gesicht. So wurde aus der Schankwirtschaft ein weithin bekannter Gasthof. Seit 1996 stehen Markus und Christel Wältring diesem Hause vor. Auch sie sind gehalten, das Haus immer wieder den Erfordernissen der Zeit bzw. dem Geschmack der Gäste anzupassen. So wurde zuletzt aus dem ehemaligen Tanzsaal ein Licht durchströmter Glanzsaal mit freiem Blick auf die Dorfkirche.

Elte, den 12. Mai 2010 Theo Weischer